Wenn eine leere Wohnung der erste eigene Ort ist
- 19. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Ein Einzelfall für die Gesellschaft – Eine Erfahrung die unter Careleaver:innen nicht ungewöhnlich ist.
Dieser Fall aus dem Kanton Bern zeigt, was es bedeutet, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben – und trotzdem nicht ankommen zu können. Warum der reduzierte Grundbedarf für junge Erwachsene Stabilität verhindert, bevor sie entstehen kann. Und was es braucht, damit ein leerer Raum zu einem echten Zuhause wird.
Vom Strassenleben ins begleitete Wohnen
Eine Careleaverin verlor ihre Unterkunft. Sie landete auf der Strasse.
Was ihr half, war kein System – es waren Menschen. Ehemalige Fachpersonen, die sich freiwillig für sie einsetzten, die nicht einfach abschlossen, weil ihr offizieller Auftrag geendet hatte. Durch ihr Engagement gelang es, einen Platz in einer begleiteten Wohnform zu finden.
Ein Dach über dem Kopf. Endlich.
Eine Wohnung. Aber kein Zuhause.
Die Wohnung war leer. Kahl. Ohne irgendetwas, das nach ihr aussah.
Die Careleaverin war erschöpft – von der Obdachlosigkeit, von allem, was davor kam. Sie wurde krankgeschrieben, musste sich von Traumatisierungen erholen, die sich über Jahre angesammelt hatten. Sie bezog Sozialhilfe.
Als junge Erwachsene unter 25 Jahren erhält sie im Kanton Bern den reduzierten Grundbedarf. Die Sozialhilfe übernahm das absolute Minimum an Mobiliar – gebraucht: vier Stühle, ein Tisch, ein Bett, zwei Bücherregale. Alles darüber hinaus wurde abgelehnt. Keine Küchenutensilien. Keine Bettwäsche. Kein Sessel. Nichts, was einen Raum bewohnbar macht.
Das bedeutet konkret: weniger Geld und weniger Ausstattung für genau die Phase, in der alles neu aufgebaut werden muss.
Dinge, die selbstverständlich klingen – und die sie sich schlicht nicht leisten konnte. Ihre Wohnung blieb leer. Nicht weil sie nicht wollte. Sondern weil das Geld fehlte und das System nicht mehr vorsah.
Was wir tun konnten
Das Careleaver Netzwerk Region Bern unterstützte, wo es konnte.
Wir organisierten Bettwäschebezüge, eine Kleiderstange, Lichterketten, einen Sessel. Das Mindeste, damit die Careleaverin spüren kann: Dieser Raum gehört mir. Ich darf hier ankommen.
Gleichzeitig kam sie zu unseren Netzwerktreffen. Sie konnte andere Careleaverin:innen kennenlernen, die Ähnliches erlebt haben. Sie konnte einfach erzählen – ohne erklären zu müssen, warum manches so schwer ist.
Das ist nicht wenig. Und es ist gleichzeitig zu wenig.
Was diese Fälle deutlich machen
Wer obdachlos war, wer traumatisiert ist, wer gerade erst Boden unter den Füssen findet – der braucht keine zusätzlichen Hürden. Der braucht Stabilität.
Vier Stühle, ein Tisch, ein Bett und zwei Bücherregale. Das ist, was das System als ausreichend definiert. Kein Topf, um etwas zu kochen. Keine Bettwäsche. Kein einziger Gegenstand, der Wärme oder Persönlichkeit in einen Raum bringt. Was formal als Grundausstattung gilt, reicht im Alltag schlicht nicht.
Der reduzierte Grundbedarf für junge Erwachsene ist eine Sparmassnahme, die junge Menschen in genau dem Moment trifft, in dem Investitionen in Stabilität am meisten bewirken würden. Eine leere Wohnung ist kein neutraler Zustand. Sie ist ein tägliches Signal: Du hast nichts. Du gehörst nirgends dazu.
Careleaver:innen ohne familiäres Netz können nicht auf Möbel aus dem Elternkeller zählen, nicht auf eine Mutter, die Bettwäsche mitbringt, nicht auf irgendjemanden, der einfach so auftaucht und hilft. Was andere als Selbstverständlichkeit erleben, ist für sie eine unüberwindbare finanzielle Frage.
Wie wir als regionales Netzwerk unterstützen
Wir sind keine Fachstelle – aber wir sind da.
Wir organisieren, was fehlt. Wir schaffen Räume, in denen erzählt werden darf. Wir bleiben dran, auch wenn der offizielle Auftrag längst geendet hat.
Vor der Careleaverin liegt noch ein weiter Weg. Schritt für Schritt geht sie in ihre Zukunft. Und sie geht ihn nicht allein.
Bist du selbst in einer ähnlichen Situation? Melde dich bei uns – du musst solche Fragen nicht allein klären.
Begleitest du als Fachperson Careleaver:innen? Gerne kannst du bei Fragen auf uns zukommen.

Kommentare