Wenn Schulden der erste Schritt in die Volljährigkeit sind
- 19. Juni
- 2 Min. Lesezeit
Ein Einzelfall für die Gesellschaft – Eine Erfahrung die unter Careleaver:innen nicht ungewöhnlich ist.
Dieser Fall aus dem Kanton Bern zeigt, wie junge Menschen den Übergang in die Volljährigkeit mit einer Rechnung beginnen – obwohl sie alles richtig machen wollten. Warum Sozialhilfeschulden kurz nach dem 18. Geburtstag keine Seltenheit sind und welche strukturellen Fragen sich dahinter verbergen.
Einzelfallhilfe und strukturelle Realität im Übergang
Kurz nach ihrem 18. Geburtstag wurde eine Careleaverin zu einem Abschlussgespräch beim Sozialdienst eingeladen. Was sie nicht ahnte: Am Ende des Gesprächs wurde ihr eine Rechnung vorgelegt – über 1'000 Franken. Sie sollte unterschreiben. Ohne klaren Auszug, ohne nachvollziehbare Erklärung.
Die junge Frau war verwirrt. Warum musste sie Sozialhilfe zurückzahlen? Was war in ihrem Namen bezogen worden – und wann?
Sie wandte sich an das Netzwerk Region Bern. Nicht mit einer grossen Forderung, sondern mit einer schlichten Irritation: Das ergibt keinen Sinn.
Was sich beim genauen Hinschauen zeigt
Das Netzwerk Region Bern nahm Kontakt mit dem Sozialdienst auf und forderte eine detaillierte Kostenaufstellung ein. Die Careleaverin soll – ohne ihr Wissen – unrechtmässig Sozialhilfe bezogen haben.
Durch das genaue Prüfen der Rechnung gelang es, den Betrag zu reduzieren. Eine gewisse Erleichterung – und dennoch: Die junge Frau startet mit einer erheblichen Schuld ins Erwachsenenleben.
Was dabei besonders schwer wiegt: Sie hatte wiederholt versucht, dem Sozialdienst keine unnötigen Kosten zu verursachen. Zahlungen, die sie hätte geltend machen können, übernahm sie selbst. Sie wollte keine Last sein.
Das Ergebnis ihres Verzichts ist nun genau diese Rechnung.
Was diese Fälle deutlich machen
Dieser Fall zeigt, wie tief das Gefühl verankert ist, nicht zu viel zu brauchen – und wie dieses Gefühl junge Menschen, die ohnehin wenig Sicherheiten haben, strukturell benachteiligen kann.
Careleaver:innen wachsen häufig mit der impliziten Botschaft auf, dankbar zu sein für das, was sie erhalten. Der Gedanke, Ansprüche zu stellen oder Leistungen vollständig einzufordern, fühlt sich fremd oder gar falsch an. Diese innere Haltung ist kein persönliches Versagen – sie ist eine verständliche Reaktion auf jahrelange Erfahrungen in einem System, das Unterstützung an Bedingungen knüpft.
Hinzu kommt: Rechnungen, die kurz nach der Volljährigkeit ausgestellt werden, ohne transparente Begründung und ohne aktive Begleitung, sind keine Ausnahme. Sie sind ein bekanntes Muster.
Ein Übergang in die Selbstständigkeit, der mit Schulden beginnt, erschwert genau das, was dieser Übergang ermöglichen sollte: Stabilität aufbauen, Verantwortung übernehmen, ankommen.
Wie wir als regionales Netzwerk unterstützen
Wir unterstützen sich und haken nach.
Wir klären, begleiten, triagieren und bleiben dran, wenn Situationen keinen Sinn ergeben. Im vorliegenden Fall bedeutete das: Kontakt aufnehmen, nachfragen, den Betrag prüfen und gemeinsam einordnen, was zumutbar ist – und was nicht.
Und wir machen sichtbar, wo strukturelle Lücken entstehen. Denn Schulden, die ohne Transparenz entstehen und ohne Begleitung übergeben werden, sind kein Einzelfall. Sie sind ein Signal.
Bist du selbst in einer ähnlichen Situation? Melde dich bei uns – du musst solche Fragen nicht allein klären.
Begleitest du als Fachperson Careleaver:innen? Gerne kannst du bei Fragen auf uns zukommen.

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