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Wenn Tagesstruktur über Wohnstabilität entscheidet

  • 11. März
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Einzelfall für die Gesellschaft – Eine Erfahrung die unter Careleaver:innen nicht ungewöhnlich ist. 

Ein 19-jähriger Careleaver verlor nach dem Abbruch seiner Ausbildung nicht nur seine Tagesstruktur, sondern auch seinen Wohnplatz. Der Fall aus der Zentralschweiz zeigt, wie eng Finanzierung, Ausbildung und Wohnen miteinander verknüpft sind – und weshalb kantonale Unterschiede in der Nachbetreuung für Careleaver:innen im Übergang weitreichende Folgen haben können. 


Warum Careleaver:innen bei Übergängen nicht ins Leere fallen dürfen 

Ein Careleaver aus der Zentralschweiz war 19 Jahre alt, als sich sein Alltag abrupt veränderte. Wie bei vielen ausserfamiliären Unterbringungen war die Finanzierung seines Wohnplatzes an eine Tagesstruktur gebunden. Als er seine Lehre abbrach, verlor er nicht nur seine Ausbildung – sondern kurz darauf auch seinen Wohnplatz. 


Was folgte, war eine Phase von Sofa-Surfing, Stress und Unsicherheit. 


Wenn Finanzierung an Bedingungen geknüpft ist 

Die Finanzierung einer ausserfamiliären Unterbringung ist grundsätzlich an eine Tagesstruktur gebunden. Fällt diese weg, entfällt häufig auch die Wohnperspektive. 


Im vorliegenden Fall war die Institution überkantonal platziert. Dadurch kannten die zuständigen Sozialpädagog:innen die rechtlichen Grundlagen des Wohnkantons nicht ausreichend. Auch die zuständige Beistandsperson war mit den spezifischen Regelungen zur Nachbetreuung im vermutlich nicht vertraut. 


Was der Careleaver nicht wusste: 

Ein Antrag auf Nachbetreuung wäre grundsätzlich möglich gewesen. Diese Option wurde nicht aktiv geprüft oder kommuniziert. 


Kantonale Unterschiede mit grosser Wirkung 

In der Schweiz bestehen erhebliche kantonale Unterschiede in der Nachbetreuung. Aktuell bieten nur 3 von 26 Kantonen eine gesetzlich verankerte Nachbetreuung an und dies unter jeweils unterschiedlichen Voraussetzungen. 


Für junge Menschen im Übergang bedeutet das: 

Ob Stabilität möglich ist, hängt stark vom Wohnkanton ab. 


Gerade bei überkantonalen Unterbringungen entsteht dadurch zusätzliche Komplexität. 


Ein Neuanfang – mit Unsicherheit 

Der Careleaver fand einen neuen Ausbildungsplatz. Doch bereits während der Probezeit folgte ein weiterer provisorischer Umzug. Ein Lehrbetrieb stellte vorübergehend eine Wohnmöglichkeit zur Verfügung – ein wichtiges Zeichen von Unterstützung. Aus dieser Wohnmöglichkeit folge ein weiterer provisorischer Wechsel, bis dann endlich nach fast einem Jahr Sofa Surfing der Umzug in die eigene Wohnung gelingen konnte. 


Was nach einem organisatorischen Problem klingt, bedeutet emotional weit mehr. 

Die Unsicherheit, ob und wo ein Wohnplatz besteht, löst existenzielle Ängste aus. Die Gedanken kreisen um mögliche Szenarien, um Übergangslösungen, um die Angst vor Obdachlosigkeit. Der Kopf ist nicht frei für Lernen. Schlafmangel verstärkt die Sorgen. Die Anspannung nimmt im Alltag viel Raum ein. 


Statt sich auf die Ausbildung konzentrieren zu können, steht die eigene Existenz im Vordergrund. 


Und es bleibt ein Gefühl zurück: nicht sicher zu sein – und nicht wirklich erwünscht. 


Restriktive Mietzinsrichtlinien für junge Erwachsene 

Im Kanton Luzern stellen wir fest, dass junge Menschen unter 25 Jahren, die wirtschaftliche Sozialhilfe beziehen, von sehr restriktiven Mietzinsrichtlinien betroffen sind. 


Beispiele aus der Praxis: 

  • Höchstbeträge von rund CHF 550.– pro Monat – verbunden mit der Erwartung, in einer WG oder bei den Eltern zu wohnen. 

  • Eine eigene Wohnung wird teilweise nur mit zusätzlicher fachlicher Begründung bewilligt.(Psychologisches Gutachten) 

  • Informationen zu Richtlinien sind selten öffentlich zugänglich. 


Diese Praxis betrifft nicht nur Careleaver:innen, sondern viele junge Erwachsene. Für Careleaver:innen ohne familiäres Netz wirken sich solche Regelungen jedoch besonders stark aus. 


Wie wir als regionales Netzwerk unterstützen 

Der Careleaver ist mit dem Netzwerk Region Zentralschweiz vernetzt. 


Wir begleiteten ihn beim Umzug. 

Wir unterstützen ihn bei der Wohnungssuche. 

Wir klären über Rechte und Möglichkeiten auf. 

Wir vernetzen ihn mit weiteren Fachstellen. 


Unsere Aufgabe ist es, Übergänge einzuordnen, Möglichkeiten sichtbar zu machen und Stabilität mitzugestalten – gerade dann, wenn strukturelle Regelungen Unsicherheit erzeugen. 


Was dieser Fall deutlich macht 

Erfahrungen aus unserer Arbeit zeigen: Ausbildungsabbrüche führen bei Careleaver:innen überdurchschnittlich häufig zu instabilen Wohnsituationen. 


Wenn Finanzierung strikt an Tagesstrukturen gebunden ist und rechtliche Möglichkeiten nicht frühzeitig geprüft werden, entstehen Brüche, die vermeidbar wären. Gerade Umwege in der Berufswahl gehören zur Realität vieler junger Erwachsener. 


Übergänge brauchen deshalb flexible und gut koordinierte Unterstützung. 


  • Bist du selbst in einer ähnlichen Situation? Melde dich bei uns – du musst solche Fragen nicht allein klären. 


  • Begleitest du als Fachperson Careleaver:innen? Gerne kannst du bei Fragen auf uns zukommen.  


Ein Lehrabbruch darf nicht zur Wohnungsunsicherheit führen. Es ist Aufgabe von Politik und Verwaltung, Strukturen so weiterzuentwickeln, dass Stabilität nicht vom Zufall des Kantons oder von Einzelentscheidungen abhängt.


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