Wenn Volljährigenunterhalt zur Belastung wird
- 11. März
- 3 Min. Lesezeit
Ein Einzelfall für die Gesellschaft – Eine Erfahrung die unter Careleaver:innen nicht ungewöhnlich ist.
Die Klage auf Volljährigenunterhalt wird in der Praxis häufig als notwendiger Schritt zur Ablösung von der wirtschaftlichen Sozialhilfe betrachtet. Dieser Fall zeigt, welche strukturellen Belastungen damit für Careleaver:innen verbunden sein können – und weshalb alternative Vorgehensweisen frühzeitig geprüft werden sollten.
Warum das Einklagen von Volljährigenunterhalt nicht der einzige Weg ist
Stell dir vor, du unterschreibst deinen Ausbildungsvertrag.
Ein grosser Schritt. Ein Moment voller Stolz.
Besonders, wenn du in einer Institution lebst und nicht in deiner Herkunftsfamilie.
Genau das erlebte eine junge Frau aus der Zentralschweiz. Was sie zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Mit 18 Jahren mitten in der Ausbildung zu stehen, kann neue rechtliche und finanzielle Verfahren auslösen.
Die rechtliche Ausgangslage
Die junge Frau befand sich in Ausbildung. Die Gemeinde forderte sie auf, ihre Eltern auf Volljährigenunterhalt zu verklagen – um sich von der wirtschaftlichen Sozialhilfe ablösen zu können.
Das Verhältnis zu diesem Elternteil war zu diesem Zeitpunkt stark belastet. Sie wollte keinen Kontakt. Sie machte dies vor Gericht geltend.
Doch bis heute besteht in der Praxis die Haltung, dass bei zugesprochenem Volljährigenunterhalt eine Kontaktpflege erwartet wird. Wer dies nicht möchte, riskiert Nachteile.
In diesem Fall wurde der Anspruch gar nicht erst vertieft geprüft – sondern abgewiesen.
Das Verfahren dauerte rund 18 Monate.
Während dieser Zeit befand sich die junge Frau weiterhin in Ausbildung – parallel zu Gesprächen, Gerichtsterminen und emotionaler Belastung.
Eine Mehrfachbelastung, die für viele junge Menschen kaum tragbar ist.
Wo Aufklärung und Information entscheidend gewesen wären
Von Beginn an fehlte eine umfassende Aufklärung über alternative Handlungsmöglichkeiten.
Neben der Klage auf Volljährigenunterhalt besteht die Möglichkeit, dass die Gemeinde selbst die Verwandtenunterstützungspflicht prüft. Dieses Vorgehen hätte die junge Frau entlasten und ein belastendes Gerichtsverfahren möglicherweise vermeiden können.
Gerade bei Careleaver:innen braucht es eine differenzierte Information und Sensibilität für biografische Belastungen.
Fünf Jahre später
Die junge Frau schloss ihre Ausbildung erfolgreich ab. Sie zog aus dem Heim in die Selbstständigkeit, steht im Berufsleben und denkt über eine Weiterbildung nach.
Dann erreichte sie eine Rechnung des Gerichts: Sie soll ihren Anteil an den damaligen Prozesskosten sowie die Anwaltskosten begleichen.
Jahre nach dem Verfahren.
Jahre nach dem negativen Entscheid.
Wie wir als regionales Netzwerk unterstützen
Die Careleaverin ist mit unserem regionalen Netzwerk vernetzt und wandte sich mit der Rechnung an uns.
Gemeinsam haben wir ein Erlassgesuch verfasst und dabei auf aktuelle Entwicklungen im Bereich Leaving Care hingewiesen.
Wir konnten erreichen:
Eine Überprüfung der Rechnung, da Unstimmigkeiten festgestellt wurden
Eine Prüfung des Erlassgesuchs durch das Gericht (seit Juni 2025)
In diesem Prozess wurden wir von der Fachstelle Volljährigenunterhalt der Frauenzentrale Luzern sowie vom Kompetenzzentrum Leaving Care beraten und unterstützt.
Was dieser Fall deutlich macht
Aufklärung über mögliche Vorgehensweisen entlasten Careleaver:innen und das System.
Das Einklagen von Volljährigenunterhalt ist nicht der einzige Weg – auch wenn dies von der Sozialhilfe gefordert wird.
Fachstellen betonen seit Jahren, dass Careleaver:innen besonders schutzbedürftig sind und Verfahren angepasst an ihre Lebensrealität erfolgen sollten.
Das Argumentarium des Kompetenzzentrums Leaving Care (2020) dokumentiert die strukturelle Benachteiligung von Careleaver:innen im Bildungsbereich und beim Zugang zu finanzieller Unterstützung.
In einzelnen Kantonen – beispielsweise Basel-Stadt – wurde inzwischen ein Careleaver-Status empfohlen. Dieser ermöglicht finanzielle Unterstützung während der Ausbildung, ohne juristische Verfahren gegen Angehörige führen zu müssen.
Solche Entwicklungen zeigen, dass alternative Modelle möglich sind.
Bist du selbst in einer ähnlichen Situation? Melde dich bei uns – du musst solche Fragen nicht allein klären.
Begleitest du als Fachperson Careleaver:innen? Gerne kannst du bei Fragen auf uns zukommen.

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